Ganzheitliche Tierarztpraxis

Ein paar Gedanken zur Kastration der Hündin (und des Rüden)

von Beatrice Milleder, Prakt. Tierärztin

 

Als ich am Ende meines Studiums war und auch zu Beginn meiner Zeit an der Uni-Klinik München war es Standard eine Hündin zu kastrieren. Damit bin ich sozusagen tiermedizinisch aufgewachsen. Eingeschärft wurden uns die Gefahren, die Möglichkeit von Mammatumoren (Gesäugetumoren), Gebärmuttervereiterung (Pyometra) und/oder – krebs. Gestritten wurde eigentlich nur noch über die Frage ob man es vor oder nach der ersten Läufigkeit tun soll.

Wie gesagt, das war dann.

Bevor ich weiter auf das Thema eingehe, lassen Sie mich kurz ins Private abschweifen. Ich bekam meine erste Hündin 1986, ein Azawakh (Windhund), die nicht kastriert wurde, da die Züchterin gerne wollte, dass wir sie auf Ausstellungen zeigen. Ich hatte den Hund von ihr geschenkt bekommen, sie war eine liebe Kollegin. Als die Ausstellungszeit vorbei war, war Ghazal bereits fünf Jahre alt und da sie mit Läufigkeiten nie Probleme hatte, haben wir nie überlegt sie kastrieren zu lassen. Ghazal wurde 14 Jahre alt (die älteste im ganzen Wurf), war bis auf einen Zwingerhusten nach Pensionsaufenthalt nie krank. Mit etwa 10 Jahren tauchte der erste Gesäugetumor auf, der langsam aber stetig wuchs und bei ihrem Tod etwa so groß wie eine Aprikose war. Er verursachte nie Schmerzen, er ulzerierte nicht (brach nicht auf), er war halt da. Sie ist nicht daran gestorben – oder an den anderen drei, die danach folgten.

Auf Ghazal folgte Paula, sie kam aus dem Tierschutz, war zu früh von der Mutter weggenommen worden. Sie war ein Bullmastiff und weil ich es eben so gelernt hatte ließ ich sie von einer sehr geschätzten Kollegin mit sechs Monaten (vor der ersten Läufigkeit) kastrieren. Paula hatte schon vorher mal gelahmt (Ellbogen), was aber wieder verging. Kurz nach der Kastration fing es an mit einer Kniescheibenluxation links, später ein Kreuzbandriss am gleichen Bein. Es endete mit einem Bandscheibenvorfall mit komplettem Verlust der Beweglichkeit beider Hinterbeine, verursacht durch einen Tumor an den Wirbelkörpern. Sie wurde 4 ½ Jahre alt und hatte nie einen Gesäugetumor.

Dann kam Luna. Sie ist jetzt 12 ½. Mit Vielem was ich in der Zwischenzeit gelernt hatte im Kopf beschloss ich ganz bewusst, Luna nicht kastrieren zu lassen. Mit ungefähr sieben Jahren tauchte der erste Gesäugetumor auf. Er war etwa reiskorngroß. Das ist er immer noch. Es kamen noch vier andere. Diese sind etwa in der gleichen Größenordnung. Mit 11 Jahren hatte Luna eine Pyometra. Nach langem hin und her beschloss ich, sie kastrieren zu lassen. Sie hat es gut überstanden, war danach sehr schnell wieder fit (nicht zuletzt dank einer wirklich guten Kollegin und der Homöopathie) und die Tumore wachsen auch (bis) jetzt nicht.

Inkontinent war (bisher) keine meiner Hündinnen.

Das sind natürlich nur ganz einzelne Erfahrungen und sie genügen überhaupt keinen Statistiken, dazu sind alle drei auch noch komplett verschieden. Aber sie sind trotzdem interessant und erklären ein bisschen, warum mich das Thema der Kastrationen beschäftigt hat.

Nehmen wir noch kurz den Tierschutz vorne weg. Hier werden Hündinnen routinemäßig kastriert. Das ist richtig und in Tierheimen auch unabwendbar. Es gibt viel zu viele Hunde auf diesem Planeten, denen es schlecht geht, die geschunden werden – es hilft keinem, wenn Tierschützer noch zu den Zahlen beitragen würden. Das möchte ich hier ganz klar machen.

Aber ... durch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und der Routinekastration von Hündinnen und Rüden weiß man nun auch, dass das Fehlen der Geschlechtsdrüsen mehr tut als einfach den Geschlechtstrieb kalt zu stellen.

Hier ein paar Fakten zur Kastration:

Bezüglich des Brustkrebsrisikos muss als erstes gesagt werden, dass auf die Gesamtpopulation der Hündinnen bezogen, nur etwa 2%  der Hündinnen ein Risiko haben, Mammatumore zu entwickeln.Nur etwa die Hälfte davon sind bösartig. Manche Quellen sprechen von 40, manche von 60%, deshalb habe ich den Mittelweg gewählt.

In dieser Risikogruppe ist es tatsächlich so, dass das Krebsrisiko mit der Kastration sinkt und zwar ist dabei entscheidend der Zeitpunkt der Kastration.

Hier sehen die Zahlen so aus:

Kastriert man eine Hündin vor der ersten Läufigkeit, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Tumore entwickelt bei unter 2 %

Wartet man bis nach der ersten Läufigkeit, steigt die Wahrscheinlichkeit auf 8 %.

Nach der zweiten Läufigkeit erhöht sich das Krebsrisiko auf 25 %.

Nach der dritten Läufigkeit ist die Bildung von Tumoren durch eine Kastration nicht mehr zu beeinflussen, sagt zumindest die Statistik. Dennoch gibt es in sehr seltenen Einzelfällen hormonabhängig wachsende Tumoren, die bei jeder Läufigkeit sprunghaft an Umfang zunehmen. Bei diesen ist eine Kastration auch in hohem Alter noch sinnvoll.

Hierzu ein gut verständlicher Artikel aus der Süddeutschen Zeitung:

Scheinträchtigkeit wird oft als Risikofaktor erwähnt, und sie kann es sein. Aber lassen Sie mich kurz mit einem Irrtum aufräumen. Scheinschwangerschaft und/oder Scheinlaktation sind keine Krankheiten.Es sind völlig normale Erscheinungen, die im Rudel dafür sorgen dass genug Milch vorhanden ist, wenn aus irgend einem Grund der Mutterhündin (Wölfin), bei der es sich im Allgemeinen um die ranghöchste Hündin handelt, etwas zustößt und sie als Milchlieferantin ausfällt.

Wichtig ist, wie man mit der Scheinträchtigkeit umgeht. Es gibt diverse (auch ganzheitliche) Möglichkeiten, diese Zeit für alle Beteiligten unproblematisch(er) zu gestalten.

 

Bei kastrierten Hündinnen (und je nach Symptom auch bei Rüden) steigt nach aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen die Gefahr für:

Inkontinez – also das Harnträufeln, das vor allem in Ruhe, also im Schlaf auftritt. Es ist z.T. gut osteopathisch oder ganzheitlich behandelbar, dazu gibt es Medikamente, die eingesetzt werden können. Darauf komme ich später noch zu sprechen.

Schilddrüsenunterfunktion – die bei kastrierten Hunden (Hündinnen und Rüden) sehr viel häufiger auftritt als bei unkastrierten.

Fellveränderungen – insbesondere bei langhaarigen Hunden werden diese häufig festgestellt.

Tumore der Eingeweide u./o. der Knochen – werden speziell bei großen Rassen häufiger bei Kastraten festgestellt.

Arthrose/Spondylose – scheint nach neuesten Daten auch häufiger bei Kastraten aufzutreten.

Gewichtszunahme – die ein großes Problem von Kastraten ist, und womit viele Besitzer bis zum Lebensende des Tieres kämpfen. Und nicht nur das. Durch den Abfall von Serotonin im Blut nach der Kastration steigt der Appetit der Hunde an wodurch es doppelt schwer fällt das erwünschte Gewicht zu halten.

Verhaltensveränderungen – durch die Kastration kann es zu Verhaltensveränderungen in jegliche Richtung kommen, keiner kann voraussagen, was nach der Kastration passieren wird.

 

Hier (und auch nur dann) kommt für mich bei Rüden der sogenannte Hormonchip zum Einsatz, der eine gute Möglichkeit ist, die Veränderung eines Rüden zu sehen um eine informierte(re) Entscheidung treffen zu können. In meiner Praxis entscheiden sich etwa 50% der Besitzer nach dem Chippen gegen die Kastration ihres Rüden. Der Chip ist keine komplette Simulation der Kastration, aber er kann einem interessante Einblicke ermöglichen.

 

Und jetzt noch eine kurze Bemerkung zur Inkontinenz. Sie ist eine häufige Nebenwirkung der Kastration vor allem bei der Hündin. Es gibt Rassen, die häufiger betroffen sind als andere, dazu gehören v.a. der Dobermann, der Boxer, der Rottweiler, Deutsche Doggen und viele mehr. Es handelt sich meist um Rassen, die oft von Natur aus schwächeres Bindegewebe haben, aber das ist keine feste Regel. Jeder Hund kann inkontinent werden, auch ein kleiner Pudel.

Regulär werden bei der Inkontinenz Medikamente verschrieben, die entweder aus der Gruppe der Propanolamine (Propalin-Sirup, Caniphedrin) stammen oder Hormone (Incurin) enthalten.

Propanolamine sind als Aufputschmittel in der Humanmedizin bekannt. Im besonderen Caniphedrin kann bei Hündinnen zu Symptome wie Ruhelosigkeit, vermehrtem Hecheln oder sogar erhöhter Aggression führen. Die Wirkung entfaltet sich auf den Schließmuskel der Blase, der auf die Substanz reagiert und dadurch dicht(er) wird. Fun-fact am Rande: Raver benutzen die Substanz gerne um ganze Nächte durchtanzen zu können und dabei nicht auf die Toilette zu müssen.

Incurin wiederum enthält Östriol, das eine schwach östrogene Wirkung hat, also das Hormon ersetzt, das durch die Kastration entfernt wurde – um die Gefahr für Gesäugetumore zu senken. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen.

 

Abschließen möchte ich sagen, dass jede Kastration eine individuelle Entscheidung sein sollte, die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden müssen. Keinesfalls sollte sie ein Regeleingriff sein, der standardmäßig durchgeführt wird – zu groß sind die Auswirkungen auf die Tiere.

Im deutschen Tierschutzgesetz steht, dass Operationen nur durchgeführt werden dürfen, wenn sie (tier-)medizinisch als notwendig erachtet werden. Bisher wurde das immer mit der Senkung der Krebsgefahr für die Hündin begründet. Wenn man sich aber die Fakten genau ansieht, dann kann dieses Argument eigentlich nur in Ausnahmefällen gelten.

 

 

Mein Rat: Denken Sie lieber zwei oder drei Mal darüber nach, bevor sie Fakten schaffen, die Sie nicht mehr rückgängig machen können. Das soll nicht heißen, dass jetzt keine Hündinnen oder Rüden mehr kastriert werden sollen – aber die Entscheidung sollte mehr sein als nur ein beiläufiger Gedanke. 

Zurück