Ganzheitliche Tierarztpraxis

DIE SACHE MIT DEM BALL – oder “Der will ja nur spielen.”

 

 

Sommer im Englischen Garten in München. Sonntag Vormittag, die Vögel zwitschern und --- die Bälle fliegen. Auf der Hundewiese. Wo sich auch sonst noch diverse Besitzer und Hunde tollen. Und speziell an Sonntagen auch so einige Hunde, die „auch mal  sozialisiert werden sollen“ – aus dem Münchener Umland, die unter der Woche eigentlich nur an der Leine gehen.

 

Frage: Was ist falsch an dem Bild?

 

Okay, ich könnte auch fragen – finde die acht Fehler. Natürlich ist da Einiges falsch. Aber der Reihe nach.

 

Da ist zunächst mal die Tatsache, dass es Besitzer gibt, die denken 30 Minuten oder gar eine Stunde immer die gleiche Bewegung auszuführen macht dem Hund Spaß, powert ihn aus und ist eine angemessene Beschäftigung. Am besten noch mit Wurfarm.

Haben Sie schon mal wirklich hingesehen, was dabei passiert? Der Ball fliegt und der Hund rennt. Und weil er ja nicht weiß, wo der Ball dann runter kommt ist der Blick nach oben gerichtet. Löcher am Boden werden übersehen – Scherzfrage am Rande: was ist der häufigste chirurgische Notfall an Wochenenden?  Und ja – es ist der Kreuzbandriss, gleich gefolgt von Frakturen.

Aber auch wenn der Hund nicht ins Loch tritt sind da noch ein paar Probleme eingebaut. Weil der Hund nicht weiß wo der Ball herunter kommt stoppt er dann auch abrupt, wenn es passiert.

Abrupter Stopp ist etwas Normales und kommt im Hundeleben vor. Dabei rammt der Hund die Vorderbeine in den Boden, der Körper wird auf diesen Stopppunkt katapultiert und das ganze Gewicht plus Bewegungsdynamik zentriert sich auf diese Stelle. Über die Ellbogen – die das meiste Gewicht auffangen und auch das empfindlichste Gelenk am Vorderbein sind – wird die Stauchung in die Schulter und so in die Wirbelsäule weitergegeben.

Das ist alles in Ordnung, wenn es ab und an passiert, schließlich hat es die Natur so eingerichtet. Aber eine Stunde lang, jeden Sonntag (bei manchen Hunden auch jeden Tag) immer und immer wieder? Können Sie sich vorstellen, was das mit dem Gelenk macht? Übrigens passiert das Gleiche, wenn der Hund zügig Treppen herunter geht.

Und ja – es gibt Hunde, denen macht das Spaß. Terriern z.B., weil denen einfach angeboren ist allem und jedem hinterherzujagen. Aber haben Sie sich schon mal gefragt, warum die Hunde das so gerne tun? Könnte es vielleicht sein, weil das die einzige Art von Aufmerksamkeit ist, die ihnen zu Teil wird, weil es die einzige Zeit ist, in der sich ihr Mensch mit ihnen beschäftigt? 

Mal abgesehen von den körperlichen Problemen birgt so eine monotone Art der Beschäftigung auch psychische Gefahren. Gerade Hunde, die ein hohes Aktionspotential haben (übersetzt: vor allem Hunde aus Arbeitslinien oder Arbeitshunde an sich) können durch derartig repetitive Bewegungen psychische Schäden erleiden. Sie werden immer hyperaktiver, weil sie a) im Alltag nicht arttypisch ausgelastet und b) dann durch derart unpassende Beschäftigung hochgeheizt werden. Am Ende stehen dann Besitzer in der Praxis und erzählen einem der Hund leide unter ADHS. Unterstützt wird das noch durch die Tatsache, dass meines Erachtens 90% der Hunde nach Aussehen oder emotional ausgesucht werden und sich kaum einer Gedanken macht, dass der Hund Bedürfnisse hat, die man befriedigen muss.

 

Okay, verlassen wir mal diesen ersten Gesichtspunkt und gehen zum nächsten nämlich die Tatsache, dass zwanzig Bälle auf der Hundewiese im Englischen Garten (und das kann man sicher auf jede beliebige Hundewiese übertragen) herumfliegen. Und ungefähr fünfzig Hunde frei herumlaufen. Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen zu was das führen kann. Dass nicht dauernd dramatische Szenen entstehen liegt an der Gutmütigkeit der meisten Hunde, nicht an der Fachkenntnis der Besitzer.

Und nein, die Hunde sind nicht verpflichtet nett zueinander zu sein, den Welpen einfach machen zu lassen, weil der ja so süß ist oder hocherfreut zu sein, weil der nächste Hund ihnen den Ball einfach weggenommen hat.

Es sollte inzwischen hinlänglich bekannt sein, dass es den sog. „Welpenschutz“ als solches nicht gibt. Was gerne so bezeichnet wird ist die Tatsache, dass sozial kompetente, erwachsene Hunde lesen können, dass der sozial kompetente Welpe Spiel-, Überschwang- und Beschwichtigungssignale sendet. Leider sind nur die wenigsten Welpen sozial kompetent. Und leider gilt das auch für viele erwachsene Hunde. Meine eigene Hündin z.B. ist gar nicht glücklich, wenn sie von einem vier Monate alten Labrador einen Bodycheck bekommt und der Besitzer lachend ruft „sorry, der will nur spielen.“ Früher habe ich bei so etwas gelächelt und mir meinen Teil gedacht. Inzwischen schaue ich den Leuten in die Augen und sage „nehmen Sie ihren Hund sofort weg“, was in der Regel mit „wie denn, der folgt doch nicht“ kommentiert wird.

Es kann dann durchaus passieren, dass meine Hündin so einen Welpen auf den Rücken legt. Nach erstem Entsetzen stellen die meisten Welpenbesitzer dann mit Erstaunen fest, dass ihr Hündchen meiner Hündin hinterher will und nicht mehr ihnen. Warum? Weil ihnen endlich mal jemand klare Signale gegeben hat und sie die Hündin für sozial kompetenter halten als ihren Besitzer.

 

So schön das vielleicht am Ende für die Welpen ist – es nervt kolossal, dass mein Hund ausbaden soll, was die Leute selbst nicht können. Speziell dann, wenn mein eigener Hund an der Leine ist. Stehe ich doch kürzlich mit meinem Hund an der Schleppe auf meinen Trail wartend, purzelt so ein kleiner Mischlings-Welpe auf uns zu. Meine Hündin grummelt ihn an, weist ihn zurecht und die Besitzerin tut was? Grinst natürlich und sagt „super, das braucht er mal“. Ich sage ihr, sie soll den Welpen wegnehmen. Sie erwidert, dass sie das toll findet, worauf ich ihr klar mache, dass ich das aber gar nicht gut finde. Am Ende gibt sie mir einen bösen Blick, nimmt ihren Welpen und murmelt was von „unfreundliche Leute überall“. Okay, kann ich damit leben. Schöner wäre es, sie würde was lernen, aber offensichtlich ist das eine ganz schwierige Lektion.

 

Nein, Hunde wollen nicht nur spielen. Hunde testen ihre Grenzen aus.  Hunde sind anmaßend und distanzlos, wenn sie einen anderen Hund ohne Einladung anrempeln. Und nein, das lässt man seinem Hund nicht einfach so durchgehen und erwartet, dass es ein anderer Hund regelt. Genauso wie man sich keinen zweiten Hund zulegt, wenn der erste noch immer große Probleme macht, damit dann der zweite den ersten erzieht. Was leider einer wachsender Trend ist, der v.a. unter Neuhundebesitzern mit Hunden aus dem Tierschutz grassiert.

 

Und ja zu Recht fragen Sie sich jetzt, was man dagegen tun kann. Ein Hundeführerschein wäre schon mal ein Anfang. Aber auch nur das. Man kann nicht erwarten, dass jeder gleich seine Gewohnheiten ändert, nur weil ihm irgendein Tierarzt oder Trainer ein paar Tage was erzählt und er oder sie eine Prüfung ablegt. Aus Studien weiß man, dass Menschen nur ca. 20% von dem, was man ihnen sagt, aufnehmen. Aber ein Anfang wäre es trotzdem. Und wenn es nur dazu führt dass man den Besitzer darauf festnageln kann, nach dem Motto, Du hast es gehört, Du solltest es wissen.

 

Aufklärung ist ein weiterer Punkt. Und auch klar zu kommunizieren, dass man etwas nicht will. Eine Teilnehmerin in einem meiner Hundeführerscheinkurse hat mal gesagt, dass sie sich benimmt wie der Hund, der auf ihren Hund zustürmt. Meint, sie läuft zu dessen Besitzer und umarmt ihn. Das hört sich erst einmal eigenartig an, aber es hat was. Vielleicht wird durch Vorführen dem ein oder anderen klar, was sein Hund da macht. Das muss ja auch nicht so drastisch sein, dennoch ist es wichtig Grenzen zu ziehen – für sich selbst UND für den Hund. Und dem eigenen Hund damit auch klar zu machen, dass sich der Besitzer kümmert und ihn schützt und nicht allem dem (oft überforderten) Hund überlässt.

 

Noch etwas zum Schluss. Hunde können an der Leine gehen ohne psychischen Schaden zu nehmen. Und sie müssen auch nicht zu jedem Hund Kontakt haben, um ein glücklicher Hund zu sein. In der Natur haben Rudeltiere nur Kontakt zu Tieren im Rudel. Andere Rudel sind primär feindlich, da sie Konkurrenten um eine Ressource (Territorium, Futter, Hündinnen/Wölfinnen). Tiere aus konkurrierenden Rudeln sind Feinde, fremde Welpen werden in der Regel getötet. 

Deshalb muss die fremde Hündin auch zu keinem Welpen freundlich sein, muss ihn nicht süß finden, und sie ist auch kein Biest nur weil sie den heranstürmenden Welpen zurecht weißt.

 

Der wichtigste Befehl, den ein Hund lernen muss ist nicht Sitz oder Platz, auch wenn das immer so hübsch aussieht. Es ist „komm“. Das muss „sitzen“ und zumindest zu 90% ausgeführt werden, bevor ein Hund Freilauf genießen kann.

Ein Hund an der Leine ist zu akzeptieren und zu respektieren, und Kommentare wie „warum darf der nicht spielen?“ sind unnötig. Es gibt hundert Gründe, einen Hund an der Leine zu haben, niemand muss das erklären. Wenn mir ein Hund an der Leine entgegen kommt, dann nehme ich meinen Hund bei Fuß oder auch an die Leine. Schon alleine deshalb weil viele Hunde an der Leine anders reagieren als im Freilauf. Eine Leine kann bei Hunden zu erhöhter Aggression führen, weil sie entweder Ausweichraum begrenzt und damit zu Stress führt oder zu einer Verstärkung durch den Besitzer am anderen Ende der Leine.

 

Beschließen möchte ich diesen kleinen Ausflug mit der Bemerkung, dass eine Schleppleine in die Hand des Führers gehört. Sie gehört nicht auf den Boden, so dass sich andere Hunde darin verfangen und schwer verletzen können. Ich lasse meinen Hund nicht mit einem Hund an der Schleppe spielen, denn ich habe leider die Folgen solcher Spiele zu oft gesehen. Eine Schleppe ist ein Hilfsmittel zur Erziehung, Ausbildung oder für bestimmte Tätigkeiten wie z.B. Mantrailing. Sie ist keine bequeme Verlängerung, auf die man schnell mal tritt, um Zugriff auf den Hund zu haben.

 

Und nun hoffe ich, dass Sie mit Ihrem Hund unbeschwerte Stunden verbringen und vielleicht auch mal die ein oder andere Beschäftigung finden, die Ihnen beiden Spaß macht. Es gibt so Vieles, was man mit einem Hund machen kann. Wenn man selbst keine Idee hat, dann kann man andere Besitzer fragen oder sich an einen Trainer/eine Hundeschule wenden.

 

Seien Sie klar in Ihren Signalen – dem Hund und anderen gegenüber. Achten und respektieren Sie Grenzen, man wird es Ihnen danken.

 

 

Beatrice Milleder