Ganzheitliche Tierarztpraxis

 

Die Schilddrüse – das unterschätzte Organ

Grundsätzliches und die ganzheitliche Sicht auf die Problematik

 

Foto: Simone Buchner

 

Sie ist sehr klein und doch so wichtig im Körper – die Schilddrüse. Wenn sie nicht so funktioniert, wie es die Natur vorgesehen hat kann es zu ganz verschiedenen Symptomen und Problemen kommen.

 

Der Klassiker ist die typische Hypothyreose (Unterfunktion) beim Hund. Die Tiere sind meistens eher dicklich, faul und haben nicht selten irgendwelchen Juckreiz. Aber dann gibt es die (viel häufiger) untypischen Formen. Der Hund hat Angst, ist plötzlich aggressiv, verträgt das Futter nicht mehr, das sonst immer okay war, kratzt sich blutig, und vieles mehr.

Katzen leiden fast immer unter einer Hyperthyreose (Überfunktion), die mit Aggression, Abmagerung, Fellveränderungen und Verdauungsstörungen einhergehen kann.

Die meisten Fakten kann man in der gängigen Fachliteratur nachlesen.

 

Was mich in letzter Zeit mehr beschäftig, ist die Art wie die Diagnose gestellt (oder nicht gestellt) wird und wie man danach damit umgeht.

 

Ganz kurz zu den Schilddrüsenwerten:

 

In der Schilddrüse werden folgende Hormone gebildet: Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4

 

In der Hypophyse wird das der Schilddrüse übergeordnete Hormon TSH (Thyroid stimulating hormone) gebildet, das die Schilddrüse zur Ausschüttung von Hormonen anregt. Wenn zu wenig T3 bzw T4 vorhanden sind dann steigt der TSH-Wert in der Regel an.

 

fT3 und fT4 – sind die freien Hormone, also die im Blut vorhanden sind. Sie sind als Werte genauer und weniger störungsanfällig als T3 und T4.

 

Zusätzlich kann auch eine Autoimmun-Erkrankung vorliegen, dafür kann man Auto-Antikörper bestimmen – das ist aber beim Hund eher selten.

 

Und nun hier die in meiner Praxis häufigsten Problemstellungen.

 

1. Der Hund bekommt Schilddrüsenhormone, es wurde aber nie ein Schilddrüsenprofil erstellt und nur der T4 Wert gemessen.

2. Der Hund hat einen grenzwertigen T4 – Wert, es wurde aber nie ein anderer Wert bestimmt oder nur der TSH-Wert.

3. Der Hund hat andere chronische Probleme und der T4 Wert ist niedrig, und deshalb soll er Hormone bekommen.

4. Der Hund ist alt und der T4 Wert ist niedrig. Es wurde überlegt, Hormone zu geben oder bereits gegeben.

5. Der Hund hat eine Schilddrüsenüberfunktion.

6. Die Katze hat eine beginnende Schilddrüsenüberfunktion.

 

 

Zu 1.

Das kommt sehr häufig vor – leider. Denn immer noch wird sehr häufig lediglich der T4 Wert als Richtlinie verwendet, vielleicht auch manchmal aus finanziellen Gründen, denn natürlich kostet jeder Laborwert Geld und das T4 ist in den sog. „geriatrischen“ Profilen bei vielen Laboren mit eingeschlossen. Es REICHT ABER AUF KEINEN FALL nur das T4 zu bestimmen, denn es gibt zu viele Faktoren, die das T4 beeinflussen können.

 

Zu 2.

Auch grenzwertige T4- Werte können eine Unterfunktion bedeuten. In der Regel wird dann der TSH-Wert bestimmt. Allerdings haben mind. 25% aller Hunde mit Schilddrüsenunterfunktion einen NORMALEN TSH-Wert.

 

Zu 3.

Chronische Probleme können, wie schon oben erwähnt, die Schilddrüse beeinflussen. Auch Gaben anderer Arzneimittel, wie z.B. bei Epileptikern oder auch andere haben einen Einfluss.

 

Zu 4.

Im Alter ist es völlig normal dass Schilddrüsenwerte absinken denn der Stoffwechsel wird langsamer. Wir alle kennen das – im Alter ist es z.B. viel schwerer abzunehmen. Deshalb sollte sehr genau überlegt werden, ob man ein altes Tier überhaupt hormonell behandeln muss. Es ist nämlich nicht immer sinnvoll, einen Organismus wieder hochzufahren, der ganz natürlich langsamer geworden ist.

 

Zu 5.

Auch beim Hund gibt es Schilddrüsenüberfunktionen wenn auch sehr selten. Der häufigste Befund ist ein zu hoher T4 Wert. Die erste Maßnahme bei so einem Befund ist die Überprüfung des Futters. Gerne werden die minderwertigen Anteile des Tierkörpers in Tierfutter verwendet, wozu auch der Schlund gehört mitsamt der dort befindlichen Schilddrüse. Wenn Hunde also viel Schlundfleisch fressen können ihre T4-Werte extrem ansteigen. Gerne wird kolportiert, dass das hauptsächlich bei der Rohfleischfütterung passiert. Das ist nicht wahr. Auch in Dosen-/Trockenfutter wird gerne Schlundfleisch verarbeitet.

 

Zu 6.

Bei der Katze kommt es fast nur zu Überfunktionen. Gerade im Anfangsstadium können diese (und sind auch oft) mit Nierenproblemen verbunden sein. Das muss unbedingt abgeklärt werden.

 

Was sagt uns das?

Sparen Sie nicht an der Diagnose! Lieber macht man ein Schilddrüsen-Profil zu viel als zu wenig. Bei Unsicherheit wiederholt man es. In jedem Fall lohnt es sich, denn zum einen verhindert man eventuell eine lebenslange (unnötige) Tablettengabe (was wiederum mit Kosten verbunden ist) oder man verhindert Spätfolgen bei nicht diagnostizierten Über-/Unterfunktionen.

Der T4 und TSH Wert reichen NICHT! Ich habe leider diesen Fehler früher auch gemacht und gerade in den letzten Jahren viel dazugelernt. Es gibt auch gerade Hunde, die überhaupt keine typischen Symptome haben, und dennoch eine Unterfunktion. Der Fall, der mich da eines Besseren belehrt hat war ein Beagle-Mix, dessen Hauptproblem eine plötzlich auftretende Verdauungsproblematik war, die sich nun dank Substitution (Tablettengabe) deutlich bessert.

Persönlich präferiere ich dabei die 2x tägliche Gabe von Hormontabletten über der 1xigen, denn der Spiegel bleibt besser stabil. UND Schilddrüsenhormone MÜSSEN nüchtern gegeben werden! Das wird leider auch oft nicht kommuniziert.

 

Allgemein kann man sagen, dass Schilddrüsenprobleme oft ganzheitlich gut behandelbar sind, vor allem im Anfangsstadium. Und selbst wenn man es ganzheitlich alleine nicht schafft, dann kann vieles auch gut begleitet werden, um die Dosis zu minimieren und das Allgemeinbefinden der Hunde lebenslang hoch zu halten. Unbedingt sollte man auch die Fütterung entsprechend anpassen.

Halten Sie sich von Fertigrezepten im Internet fern die Ihnen die Lösung des Problems versprechen. Es gibt gerade bei der Schilddrüse und vor allem bei ganzheitlicher Betrachtung keine Patentrezepte. Jeder Patient ist anders und muss auch anders begleitet werden.

 

Sprechen Sie mit ihrem idealerweise ganzheitlichen Tierarzt/Tierärztin, der/die mit Ihnen alle Aspekte und Möglichkeiten beleuchten wird. Notfalls holen Sie sich eine 2te, 3te oder 4te Meinung ein, bevor Sie eine Entscheidung treffen.

 

Beatrice Milleder, © 2018