Ganzheitliche Tierarztpraxis

GIARDIEN

Das unendliche Thema

 

 

Giardien sind ein tägliches Problem in meiner Praxis.  Zum ersten Mal wirklich intensiv mit dem Thema beschäftigt habe ich mich vor 14 Jahren als ich meine Hündin Luna mit damals 11 ½ Wochen aus Spanien bekam – komplett mit blutigem Durchfall, blutigem Erbrechen, Appetitlosigkeit - ein kleines Skelett mit Haut. Ansonsten war sie fit und munter, aber Fressen (und Zunehmen) wollte sie nicht.

Damals waren Giardien noch nicht so üblich wie heute und deshalb stand ich zuerst mal vor einem Rätsel, doch nach einer Kotprobe und wusste ich Bescheid.

 

Es folgte eine Wurmkur für fünf Tage, dann fünf Tage Pause, dann wieder fünf Tage.

 

Eine Woche war es besser. Dann ging alles wieder von vorne los.

 

Nochmal Wurmkur. Dieses Mal 10 Tage, dann Pause, und wieder 10 Tage.

 

Da ich auch schon vor 14 Jahren ganzheitlich dachte war mir der Gedanke an Antibiotika für einen Darm, der sowieso schon im Chaos war nicht ganz geheuer.

 

Also mehr Recherche und endlich stieß ich auf eine Doktorarbeit, die noch eine andere Wurmkur vorschlug. Und siehe da – die Kotprobe war endlich sauber, der Appetit kam so langsam wieder und der Welpe nahm endlich zu.

 

Das Thema war vorbei.

 

Dachte ich.

 

Ein paar Wochen später war der Kot plötzlich extrem schleimig. Dann flüssig. Dann wieder breiig. Dann fest Immer hin und her. Mal fraß der Hund, mal nicht, es war zum Haare ausraufen.

 

Um die lange Story kurz zu machen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis die Symptome verschwunden waren, bis sich die Verdauung normalisiert hatte, bis der Hund so einigermaßen normal fraß. Dennoch hat sich die Tendenz erhalten, erst zum Abend richtig Hunger zu haben und Schleim ist immer mal wieder im Kot – bis heute, und jetzt ist sie über 14 Jahre alt.

 

Heutzutage sind Giardien bei Welpen eher die Regel als die Ausnahme. Das hat zum einen mit den vielen Auslandshunden zu tun, die Parasiten nach Deutschland gebracht habe, aber vor allem auch mit den veränderten klimatischen Bedingungen, die dafür sorgen, dass Giardien im Winter nicht mehr absterben sondern auch in unseren Breitengraden problemlos überleben können.

 

Giardien sind Darmparasiten, keine Würmer, sondern Protozoen, also winzige Einzeller, die über Kot ausgeschieden und über das Maul aufgenommen werden. Sie kommen bei vielen Säugetieren (auch dem Menschen), sowie bei Vögeln und Amphibien vor. Sie sind sehr widerstandsfähig und können z.B. auch durch Chlor nicht abgetötet werden.

Giardien verursachen in erster Linie Probleme im Magen-Darm-Trakt (kurz MDT) und führen zu Durchfall (der oft schleimig oder blutig ist) und/oder Erbrechen (auch oft blutig). Typisch ist ein wellenartiger Verlauf, d.h. die Symptome gehen nach einiger Zeit weg und kommen nach 1-2 Wochen wieder. Befallen sind häufig Jungtiere mit nicht gut entwickeltem Immunsystem, aber auch erwachsene Tiere, v.a. unter immunreduzierender Therapie (Kortison, Antibiotika) oder bei anderen vorliegenden Grunderkrankungen.

Giardien kommen überall in der Umwelt vor, insbesondere dort wo viele Hunde spazieren gehen. Trotzdem infizieren sich bei weitem nicht alle Tiere, die mit ihnen in Kontakt kommen – deshalb ist eine Infektion immer ein individuelles Problem, die Ausbildung von klinischen Symptomen noch viel mehr. Es gibt oft Zufallsbefunde, obwohl die Hunde überhaupt keine Probleme mit der Infektion haben, das heißt sie fressen normal und die Kotbeschaffenheit ist ebenfalls unauffällig.

 

Was macht man nun bei einer Giardien-Infektion mit den entsprechenden Symtomen?

 

In der allopathischen Medizin stehen dafür diverse Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung von denen KEINE ursprünglich zur Behandlung von Giardien erfunden wurde. Es handelt sich um diverse Tabletten zur regulären Entwurmung oder Antibiotika. Manchmal verschwinden die Giardien im Kotbefund nach 1xigen Behandlungen und manchmal bleiben sie trotz Behandlung über Jahre. Das liegt zum einen an inzwischen weit verbreiteten Resistenzen, also fehlender Empfindlichkeit gegen die Wirkstoffe, zum anderen daran, dass leider viel zu selten die zu Grunde liegenden Probleme bedacht werden.

 

Die Fütterung

Bei einem Hund/einer Katze mit Giardien-Befall muss diese UNBEDINGT angepasst werden. Vereinfacht kann man sagen, eine Umstellung auf Fleisch und grünes Gemüse ist von Nöten, denn Giardien vermehren sich viel leichter in der Anwesenheit von Kohlehydraten, die eine gute Nahrungsquelle für sie darstellen. Kohlehydrate sind in Getreide, aber auch Kartoffeln, Kürbis und natürlich auch in Obst und bestimmtem Gemüse. Ob das Fleisch aus einer Reinfleischdose kommt, gekocht oder roh gefüttert wird ist dabei unerheblich. Grünes Gemüse sind Dinge wie Zucchini, Spinat, Salat, Gurke, Broccoli u. ä. Trockenfutter enthält IMMER Kohlehydrate und zwar reichlich, denn sonst wäre der Herstellungsprozess nicht möglich.

Anders als der Mensch verfügen Hund und Katze nicht über das Enzym Amylase, dass Kohlehydrate im Mund vorverdaut was zusätzlich Probleme verursachen kann.

Katzen sind hier oft ein Problem, da sie sich auf Futter prägen, dass sie in der Jugend bekommen haben – umso wichtiger ist es gerade bei den Stubentigern darauf zu achten, dass sie bereits als Welpen alle Arten von Futter kennen lernen.

 

Ganzheitliche Behandlungsansätze

Es gibt viele ganzheitliche Möglichkeiten, ein Tier und dessen Verdauungs-/Immunsystem zu unterstützen. Fast alle Tiere mit chronischem Giardienbefall haben eine veränderte/gestörte Darmflora. Das macht Sinn, denn ein gesunder, immunstarker Darm wird selbst mit solchen Parasiten fertig. Da sich ein großer Teil des körpereigenen Immunsystems im Darm befindet hat eine Störung dort weitreichende Folgen.

Oft werden gängige Probiotika eingesetzt. Das Problem ist allerdings, dass diese oft nur Enterokokken-Stämme beinhalten, und in den seltensten Fällen sind genau diese Stämme betroffen. Deshalb ist es sinnvoll eine Kotflora erstellen zu lassen – dafür gibt es spezielle Labors, die das vertrauenswürdig machen.

Weitere Präparate können helfen den Darm zu reinigen und die Ansiedlung von guten Bakterien zu erleichtern.

Wenn es ein zugrunde liegendes Problem gibt, dann ist es auch sinnvoll dieses ganzheitlich anzugehen, um das Allgemeinbefinden und die Körperfitness zu verbessern.

 

Die Hygiene

Im Internet findet man viele Hinweise bezüglich der Hygiene bei Giardien-Infektionen, z.T. schon fast hysterische Aufrufe jeden Tag die Wohnung mit einem Hochdruckreiniger zu säubern, die Teppiche zu shampoonieren und die Hundebetten zu waschen.

Ja, theoretisch können sich Menschen an Giardien anstecken, doch in der Regel springen canine und feline Giardien nicht auf den Menschen – so eine Ansteckung ist extrem selten, wenn man die normale Hygiene walten lässt. Das heißt, wenn sie den Kot ihres Hundes aufheben dann waschen Sie sich die Hände. Wenn der Hund irgendwo im Haus Durchfall absetzt oder erbricht reinigen Sie die Stelle und im Idealfall desinfizieren sie diese. Das ist es aber auch schon. Sie müssen weder Ihren Garten abtragen oder abbrennen und auch nicht zur Putzfee mutieren. Giardien sind überall, vor allem da wo viele Hunde täglich spazieren gehen. Sie überleben in der Tiefe der Erde und Sie sollten sich schnell von der Idee verabschieden, dass sie da irgendetwas ändern können, wenn Sie Ihr Haus täglich vom Dach zum Keller reinigen.

Es ist viel wichtiger, das Immunsystem Ihres Tieres zu stärken und Grunderkrankungen zu behandeln, dann machen nämlich Giardien nichts aus.

 

Weitere Tipps

Wenn ein Hund Symptome einer Giardien-Infektion zeigt versteht es sich von selbst, dann er in dieser Zeit nicht geimpft werden sollte.

Eine klinisch apparente (mit Symptomen einhergehende) Infektion muss immer behandelt werden. Die Frage ist aber wie. Inwiefern eine Antibiotika-Behandlung sinnvoll ist soll jeder für sich selbst entscheiden, denn Antibiotika schädigen die schon geschädigte Darmflora noch mehr. Ein Zufallsbefund bei einem symptomfreien Tier wird in meiner Praxis nicht behandelt. Ich weise lediglich die Besitzer darauf hin und rate, die Ernährung umzustellen, um die Giardien nicht noch zu unterstützen.

Wenn ein Hund bei einer Giardien-Infektion blutigen Kot absetzt oder auch reines Blut, dann ist das kein Grund zur Panik. Gleiches gilt für das Erbrechen. Wenn der Hund ansonsten fit und munter ist, kein Fieber hat, ist es eine normale Reaktion des Körpers. Hunde sind von Natur aus Aasfresser, also ist es ganz klar, dass sie von Zeit zu Zeit auch Ungenießbares aufnehmen werden. Dafür haben sie einen extrem sauren Magensaft, der fast alles verdauen kann und wenn nicht, so sind sie in der Lage die Schleimhaut in ihrem Darm schnell abzustoßen (und damit auch schädliche Bakterien) um dann wieder eine neue aufzubauen. Ja, Hunde bluten auch, wenn sie Rattengift gefressen haben. Das kann man aber über einen Bluttest ausschließen.

Appetitlosigkeit ist bei einer Giardien-Infektion normal und in der Regel kein Problem. Hunde können ohne Probleme mehrere Tage ohne Futter auskommen. Dafür ist ihr System geschaffen. Nur bei extremem Durchfall und Erbrechen muss evtl. Flüssigkeit zugeführt werden um ein Austrocknen zu verhindern. Das betrifft im Besonderen Welpen, denn sie können Flüssigkeitsverluste nicht so ausgleichen wie erwachsene Hunde.

 

Fazit

Entspannen Sie sich. Das ist der beste Rat, den ich Ihnen geben kann. Giardien sind nervig, vor allem wenn man nachts 10 x raus muss. Aber sie sind kein Drama. Sie sind inzwischen ein Fakt im Deutschland und wir werden lernen müssen damit zu leben.

 

© Beatrice Milleder 2018