Ganzheitliche Tierarztpraxis

Halsband, Geschirr, Halti … oder wie war das noch?

 

 

Es gibt viele Themen, die in Hundekreisen kontrovers diskutiert werden, Erziehungsmethoden sind ganz vorne dabei.

 

Aus meiner sehr intensiven Pferde-/Ponyzeit ist mir das alles vertraut. Da gibt es die wirklich guten Reitlehrer, die mit Erfahrung und viel Gespür. Die, die ihr Wissen auch vermitteln können, deren Schüler auch mal gerne besser reiten können als sie selbst. Die, die Pferde als Partner sehen und sich auch so verhalten, denen es wichtig ist, dass der Reiter gerade sitzt, weil das auf die Dauer den Rücken des Pferdes schont und das Tier gesund erhält.

Natürlich gibt es auch ganz viele schlechte Reitlehrer, leider deutlich mehr als gute und es ist oft pure Glückssache, bei wem man landet denn der Anfänger hat nicht das Wissen, um Können beurteilen zu können.

Und dann gibt es Gurus. Ja – man muss nicht in die Esoterik abdriften, um die zu finden. Reitsport und Hundeerziehung reichen. Womit wir den Bogen geschlagen haben.

 

Woran erkennt man nun einen Guru?

Darauf gibt es leider keine einfachen Antworten. Aber ein Merkmal ist häufig zu finden – die Anhänger (und auch der/die Guru selbst) dulden keine Widerworte. Nur die eine Meinung zählt, und wehe man sagt etwas dagegen. Dann schlägt die geballte Empörung zurück. Entweder es wird einem sofort unterstellt, dass man einfach keine Ahnung hat oder wenn das nicht reicht, dann schlägt es in Beleidigungen und Mobbing um. Ich nenne hier keine Namen, aber die meisten von Ihnen werden bereits wissen, wer da so gemeint sein könnte. Ach ja – und nur diese eine Meinung ist richtig, nichts, aber auch gar nichts anderes ist es und überhaupt hat niemand anderer Ahnung von Hunden (oder Pferden) als der/die Guru (oder heißt das Gura?). Und logischerweise haben sie auch eine komplett neue Methode erfunden, die noch nie vorher da war, denn der Hund wurde ja auch erst gestern erfunden und alle anderen sind eh dumm und/oder ignorant.

 

Nun aber zu dem eigentlich Thema – der Erziehung.

 

Fragen wir uns doch erst mal – was ist eigentlich Erziehung?

Wahrscheinlich hat jeder eine etwas andere Definition, abhängig davon wie er/sie selbst erzogen wurde. Für mich war Erziehung dem Beispiel meiner Mutter zu folgen, ihrer Auffassung von Arbeit, Verantwortung und Zuverlässigkeit. Meine Mutter hat mich nicht anti-autoritär erzogen, aber sie hat mich zu selbstständigem Denken und zur Eigenverantwortung erzogen. Sie hat mir die Freiheit gelassen Dinge selbst zu entscheiden, was sicher nicht immer einfach war. Sie hat mir auch nicht ihre Weltanschauung aufgedrängt, so wie ich es oft bei Müttern oder Vätern sehe, wofür ich ihr dankbar bin.

Für mich war also Erziehung nie mit Gewalt oder Zwang verbunden, allerdings mit Regeln und Grenzen, die mir vorgelebt wurden. Natürlich flogen in der Pubertät die Fetzen und klar haben wir gestritten, aber das ist normal – wie es auch bei unseren Hunden völlig normal ist die Grenzen auszutesten.

 

Hunde sind Rudeltiere, und ich spreche hier von einem gefestigten, sozial organisierten Verband. Rudeltiere heißt nicht, dass Hunde sich mit jedem anderen fremden Hund vergesellschaften wollen, obwohl das offensichtlich noch immer viele so sehen („das regeln die schon untereinander“ u.ä.). Als Rudeltiere sind Hunde (so wie Pferde) Opportunisten. Sie suchen ihre Grenzen, suchen ihren Vorteil und handeln danach. Sie akzeptieren aber auch Bindungen und sind vielleicht das einzige Tier, das einer anderes Spzezies (sprich: Mensch) gegenüber selbstlos handeln kann. Eine derartige Bindung ist allerdings nicht selbstverständlich und auch nicht immer möglich. Alles hängt vom Menschen ab und den Signalen, die er dem Partner Hund gibt.

Das funktioniert super, wenn der Mensch aus welchem Grund auch immer Souveränität ausstrahlt. Manchen unter uns ist es angeboren, manche haben es sich über Erfahrungen erworben. Für die meisten aber bleibt es unerreichbar. Wenn wir alle souveräne Individuen wären gäbe es deutlich weniger Probleme auf diesem Planeten. Sind wir aber nicht und deshalb ist jede Erziehungstheorie, die Souveränität voraussetzt von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Genau das ist mein größtes Problem mit den landläufigen Hundeschulen, in denen Sprüche wie „du musst dominant auftreten“ oder „zeig ihm, wer der Herr ist“ immer noch an der Tagesordnung sind. Zum einen ist die Theorie des „Herren“ eigentlich lange wissenschaftlich überholt und außerdem kann auch nicht jeder „souverän“ sein. Also ist es in der Hundeerziehung das Wichtigste individuelle Wege zu finden, mit denen Hund und Mensch leben können – und zwar zufrieden und stressfrei.

 

Lassen Sie mich einiges vorweg klarstellen. Gewalt und Schläge haben in der Erziehung nichts zu suchen – sei es Mensch, Hund oder Pferd. Oder welche Gattung auch immer. Gewalt führt niemals zu einem entspannten Hund. Gleiches gilt für Zwang. Deshalb sind Trainer, die ein Tier in die Enge treiben eben nicht gewaltlos auch wenn sie nicht zuschlagen. Alles was der Hund (das Pferd) lernt ist Dinge zu meiden oder sich zu ergeben, also hilflos zu werden, sich zu unterwerfen. Mit souverän oder Entspannung hat das absolut gar nichts zu tun, vom Wort Partner mal ganz zu schweigen.

In die Ecke Zwang und Gewalt gehören auch alle Hilfsmittel, die zunächst „harmlos“ erscheinen, wie Wurfdosen, Halsbänder mit was auch immer sie gefüllt sein mögen (Strom, Zitronensaft, Wasser), Zwangsgeschirre (easy walker) oder Stachel- und Zughalsbänder. Das alles hat nichts mit Erziehung, sondern mit Schmerz, Angst und Erpressung zu tun. Und ja, mit positiver Bestärkung oder wie auch immer wir das nennen wollen kommt man ebenso zum Ziel – das gilt auch für Hunde, die im Dienst oder bei der Jagd eingesetzt werden. Tatsächlich sitzt eine positive Erziehung wesentlich sicherer und abrufbarer, als Zwang, Strafe und Angst, bei denen ein kluger Hund schnell merken wird, wie er sich dem entziehen kann und ein nicht so kluger oder unsicherer die Hölle durchlebt. Ein derartig trainierter Hund wird nie ein sicherer Partner und entspannt sowieso nicht.

 

Was hat das nun alles mit Halti, Halsband oder Geschirr zu tun?

 

Das Halti ist eine gewaltfreie Trainingshilfe, die – richtig angewandt – den Stress für Hund und Halter vermindern kann. Sie ist keine Alternative zum Halsband und/oder Geschirr, man führt seinen Hund unter keinen Umständen am Halti. Ein Hund, der mit Halti gearbeitet wird muss dazu ein Halsband oder ein Geschirr tragen, an dem er geführt wird. Die Leine (2. Leine) zum Halti hängt durch und wird nur wenn nötig zur vorsichtigen Korrektur eingesetzt. So wie ein Reiter eigentlich auch mit vier Zügeln bei der Kandarrenzäumung umgeht. Es ist schon erstaunlich wie viele Parallelen es hier gibt.

 

In letzter Zeit wird von vielen das Geschirr als das non plus ultra gepriesen. Und Sie haben es sicher schon erraten – das ist es nicht. Zum einen finden viele Hunde ein Geschirr unangenehm - vor allem die sensiblen, denen Einengung ein Graus ist.

Aus osteopathischer Sicht ist eigentlich jegliche Führhilfe ein Problem, denn egal ob es nun Halsband oder Geschirr ist, beides kann störend auf den Körper einwirken, die freie Bewegung von Faszien verhindern und damit Probleme erzeugen. Im Prinzip wäre es für den Hund das Beste er würde gar nichts tragen. Aber wenn es denn schon (v.a. im Freilauf) sein muss, dann am besten ein nicht zu fest (und nicht zu locker) sitzendes Halsband.

 

Ein Geschirr ist aus mehreren Gründen im Freilauf ein Problem. Zum einen ist es das oben genannte und zweitens treffen freilaufende Hunde andere Hunde. Nichts kann dabei so schnell Verletzungen führen, wie ein Geschirr – ganz speziell bei jungen Hunden, die oft noch sehr distanzlos spielen und wie schnell bleibt ein Zahn oder eine Pfote in einem Geschirr hängen – dann ist das Geschrei groß. Deshalb grundsätzlich: bei spielenden Hunden sollte nichts mehr dran sein. Und ich habe es in einem vorherigen Artikel bereits erwähnt – auf gar keinen Fall eine Schleppleine. Schleppleinen gehören in die Hand, nicht frei schleifend auf den Boden und nie, absolut nie, an einen spielenden Hund. Die Verletzungen die daraus entstehen können möchte ich hier gar nicht im Einzelnen aufzählen, aber es sollen auch schon Hunde dadurch zu Tode gekommen sein.

 

Wenn man junge Hunde, Welpen ganz speziell, führt dann nur mit einem gut sitzenden Geschirr. Diese Hunde haben noch nicht gelernt an der lockeren Leine zu laufen und dauerhaftes Ziehen am Halsband ist ein absolutes No-Go. Nicht weil so ein Halsband den Kehlkopf zerquetscht, denn tatsächlich liegen die allerwenigsten Halsbänder auf dem Kehlkopf, sondern weil Sie üble Verletzungen an der Halswirbelsäule setzen können und weil derartiger Zug mit Schmerzen verbunden ist, die einfach nicht in die Erziehung gehören. Allerdings ist auch ein Geschirr nicht schmerzfrei, denn je nach dem welches Sie sich aussuchen, wird irgendwo Druck aufgebaut – es gibt kein Geschirr, das nicht irgendwo drückt, das ist schon rein anatomisch unmöglich.

Geschirre sollten nicht zu locker verschnallt sein, und sie sollten den freien Bewegungsablauf so wenig wie möglich stören. Das K-9 Geschirr z.B., das sich so großer Beliebtheit erfreut, war eigentlich nie zum Dauereinsatz vorgesehen. Wenn es gut liegt, dann ist es beim Training/Einsatz (Mantrailing - dafür wurde es gebaut) unproblematisch, aber es ist kein Alltagsgeschirr. Das gilt für alle Geschirre mit Brustgurt. Aber auch andere sind im Verschnallen problematisch weil sie die Bewegungsfreiheit des Schultergürtels stark beeinträchtigen.

 

Deshalb sollte es Ziel jeglicher Hundeerziehung sein, dass ein Hund möglichst viel und oft „oben ohne“ laufen kann.

 

Wie kann man das aber erreichen?

 

Ein erster Schritt wäre, sich einen Hund nach dem auszusuchen, was man selbst zu leisten im Stande ist. Damit meine ich nicht, dass man jeden Hund „auslasten“ muss. Auch diese Theorie ist eigentlich überholt. Hunde – wenn sie denn in der Natur leben, wie z.B. in Australien – lasten sich nicht aus. Sie verbringen die meiste Zeit des Tages mit Schlafen und Ruhen. Aber man muss sich dennoch bewusst sein, wer da an der Leine läuft. Ein Mops hat nun mal andere Ansprüche als ein Malinois, ein Husky oder ein Jagdhund.

Wer einmal in die Augen eines Jagdhundes gesehen, wenn dieser seinen Trail, seine Fährte oder ähnliches erfolgreich zu Ende gebracht hat, der versteht, dass diese Hunde dafür geboren wurden. Nehmen wir z.B. meinen jetzt fünf Monate alten Bracken-Welpen. Ohne es je geübt zu haben hat sie mir sofort den Futterbeutel gebracht und in die Hand gelegt; meiner jetzt fast 14jährige Hündin, einem Boxer-Mischling, wäre das im Traum nicht eingefallen. Begabungen, Anlagen, die Hunde mitbringen kann man nutzen und fördern, das ist nicht verwerflich sondern bringt den Hunden Spaß und Freude und hilft die Mensch-Hund-Partnerschaft zu festigen.

Oder denken Sie an einen Border Collie, wo sie bereits bei Welpen das angeborene „Hüten“ und „Treiben“ beobachten können. Solche Hunde blühen auf, wenn man ihnen eine artgerechte Beschäftigung ermöglicht.

 

Wenn ich von artgerechter Beschäftigung spreche, so meine ich fachlich hochwertige Beschäftigung mit einem Trainer/einer Trainerin, der/die das wirklich kann. Mantrailing z.B. kann zum Problem werden wenn es unsachgemäß gemacht wird, wenn Hunde „angeheizt“ oder anderweitig falsch herangeführt werden.  Und auch „Hüten“ kann Hunden verleidet werden, wenn sie nicht ihren natürlichen Instinkten folgen dürfen, sondern mit Gewalt und Schmerzen konfrontiert werden. Leider ist das immer noch gang und gäbe und zutiefst zu verurteilen.

 

Wenn also jemand einfach nur mit dem Hund gemütlich spazieren gehen will, dann ist ihm mit einem gemütlichen Hund mehr gedient als mit einem, dem man einen Teil der Natur nimmt, weil man sich diese Rasse einbildet.

 

Der zweite Schritt ist die Suche nach einem Trainer. Und damit meine ich einen soliden, gut arbeitenden Trainer, der Ihnen keine Wunder verspricht, der Ihnen klar macht, dass vor allem Sie arbeiten müssen – um Ihren Hund zu verstehen, um eine echte Partnerschaft aufzubauen. Jemand, der ohne Strafe oder Gewalt auskommt. Jemand, der nicht schreien muss, der keine Zwangsinstrumente benötigt, jemand der bestenfalls einen Hund ruhig und gut selbst führt, an dem man sehen kann wie es sein kann, wenn man so viel wie möglich richtig macht. Ein Hund, der ruhig und entspannt durch Stress gehen kann, weil er das gelernt hat, weil er dem Hundeführer vertraut. Genau so eine Person ist ein guter Trainer.

Jemand, der sich offen Ihren Fragen zuwendet, der Diskussionen und Kritik zulässt und damit sachlich umgeht. Jemand, der keine Platitüden und Phrasen drischt und nicht eigene Probleme auf den Hund überträgt. Jemand, der Hunde nicht vermenschlicht, dessen Hunden nicht den Platz von Menschenbeziehungen einnehmen müssen und vor allem jemand, der individuell auf Ihre Bedürfnisse eingehen kann – nicht versucht, Ihnen 08/15 Lösungen anzubieten ... also die gleiche Methode für jegliches Problem. Denn das funktioniert nicht  - weder bei Tieren noch bei Menschen.

 

Einen Tipp noch am Ende. Lassen Sie sich Zeit. Schauen Sie sich Trainer an, gehen Sie in Hundeschulen und schauen Sie bei Stunden zu. Ein guter Trainer wird nichts dagegen haben, dass Sie sich informieren wollen. Lassen Sie sich nicht sofort auf 10-Stunden Abos ein. Hören Sie auf ihren Bauch – und ihren Kopf. Schlafen Sie nochmal über eine Entscheidung.

Und beobachten Sie Ihren Hund! Wenn der Hund freudig mitarbeitet, gerne zur Hundeschule geht und vielleicht auch den Trainer fröhlich begrüßt – dann sind sie auf keinem allzu schlechten Weg.

 

Beatrice Milleder, Prakt. TÄ mit Zulassung für die Abnahme des Hundeführerscheins und von Gutachten für Hunde mit gesteigerter Aggression lt. LTK-Bayern.

 

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