Ganzheitliche Tierarztpraxis

 

Die läufige Hündin, das unbekannte Wesen

 

Aus gegebenen Anlass und weil ich in letzter Zeit so viel dazu gefragt werde, hier mal ein Beitrag zum Thema Läufigkeit.

Über das Für und Wider einer Kastration habe ich ja bereits in einem früheren Beitrag geschrieben. Diesen hänge ich jetzt nochmals zur Info unten an. 

Läufige Hündin (groß) flirtet mit anderer Hündin 

Ganz kurz die Fakten.

Unkastrierte Hündinnen werden im Alter von 5-18 Monaten zum ersten Mal, danach 1-2 x im Jahr läufig, kleine Rassen auch 3x im Jahr. Eine Läufigkeit dauert in der Regel 2-4 Wochen und besteht aus verschiedenen Phasen.

Diese sind:

1.     Die Vorphase – in dieser Zeit fällt den meisten Besitzern auf, dass die Hündin verstärkt markiert. Der Geruchssinn ist gesteigert. Manche Hündinnen schmatzen oder Speicheln nach dem Riechen an besonders interessanten Stellen. Die Vulva kann bereits anschwellen.

2.     Im Proöstrus – der Aufbauphase blutet die Hündin. Diese Blutung ist unterschiedlich stark und variiert von Hund zu Hund. Manche Hunde säubern sich so sorgfältig, dass die Blutung kaum auffällt. Im Gegensatz zum Menschen ist die Blutung ein Aufbau das heißt sie kündigt die baldige Fruchtbarkeit an. Ein Hund kann in dieser Zeit für andere Hunde gut riechen, muss es aber nicht. Diese Phase dauert 8-10 Tage.

3.     Im Östrus – kann der Hund aufhören zu bluten muss es aber nicht. Manche Hündinnen bluten die ganze Läufigkeit durch. Es gibt dabei Abstufungen, aber die Blutung muss NICHT aufhören damit die Hündin fruchtbar wird. Das ist ein häufig verbreiteter Irrtum. In dieser Zeit kommt es zur sog. Standhitze – das heißt die Hündin steht und dreht auch noch die Rute zur Seite um ihre Paarungsbereitschaft zu demonstrieren. Die Länge der Standhitze ist bei den Hündinnen unterschiedlich. Manche sind an einem Tag noch stand-hitzig und am nächsten Tag beißen sie die Rüden weg. Es gibt keine REGEL! Und Hündinnen können bis zum letzten Tag ihrer Hitze aufnehmen.

4.     Der Metöstrus – zeigt das Ende der sichtbaren Läufigkeit an. Die Hündin beißt den Rüden weg und die Vulva schwillt ab. Diese Phase dauert ca. 2-3 Monate. Ein Teil der Hündinnen wird „scheinschwanger“. Das heißt die Hormone erreichen ein Level wie bei einer trächtigen Hündin, was ein NOMALER Zustand ist. In dieser Zeit bildet sich die Gebärmutter zurück und kommt langsam zur Ruhe.

5.     Der Anöstrus – ist die Zeit bis zum nächsten Zyklus. Je nach Rhythmus kann auch dessen Länge variieren.

 

Läufige Hündin lässt sich das Hinterteil beschnüffeln. 

Nach diesen kurzen Erklärungen über die man ausführlich in vielen Büchern nachlesen kann, nun zu ein paar Dingen die in Beratungen immer wieder auftauchen und vielleicht hilft es dem einen oder anderen diese hier nachlesen zu können.

 

Wann wird die Hündin zum 1. Mal läufig?

Das ist völlig unterschiedlich. Die meisten Hündinnen werden etwa im Alter von 8-14 Monaten zum 1. Mal läufig, aber es gibt viele Variationen. Die Regel sagt, je kleiner der Hund umso früher wird es passieren. Das stimmt aber auch nicht immer. Die früheste Läufigkeit die ich gesehen habe war mit fünf Monaten und es handelte sich um einen Boxer . Die späteste war ein Malteser-Mädchen mit 21 Monaten. Grundsätzlich ist ein sehr spätes Einsetzen der Läufigkeit nicht bedenklich, es ist aber später z.B. für eine homöopathische Behandlung sehr interessant, da man davon ausgehen kann dass eine solche Hündin hormonell nicht besonders intensiv unterwegs ist. Diese Hündinnen haben oft einen langen Zeitraum zwischen den Läufigkeiten, was auch für eine Hormonschwäche spricht.

 

Wie oft wird eine Hündin läufig?

Die einfache Antwort: so lange man sie lässt. Hündinnen werden in der Regel alle 6-8 Monate läufig. Auch hier gibt es Unterschiede. Es gibt Vertreterinnen die im 4-Monats-Rhythmus läufig werden, andere nur alle 1 ½ Jahre. Wie oben schon angesprochen hat das viel mit der Aktivität der weiblichen Hormone zu tun. Es gibt auch Hunde, die in immer unterschiedlichen Abständen läufig werden. All das ist normal und kein Grund zur Beunruhigung. Wenn allerdings Läufigkeiten plötzlich ausbleiben oder schnell hintereinander auftreten obwohl das vorher anders war, dann sollte man nachsehen was los ist. Hündinnen kommen nicht in die Wechseljahre und wenn man sie nicht kastriert werden sie bis ins hohe Alter immer wieder läufig.

 

Ab wann ist es nicht mehr gefährlich?

Wenn die Läufigkeit vorbei ist, wenn sich die Hündin nicht mehr decken lassen will, dann ist die Gefahr vorüber. Das heißt aber nicht, dass alle sexualisierten Rüden da draußen das Memo gelesen haben. Viele Hündinnen riechen noch Wochen nach dem Ende der Läufigkeit gut und abhängig vom Rüden kann das schon mal zu Annäherungen verleiten. Eine erfahrene, ältere Hündin wird das sehr schnell und deutlich alleine regeln, aber besonders junge oder auch alte, schwache Hunde können damit überfordert sein. Da sind Sie gefragt: schützen Sie Ihre Hündin, lassen Sie es nicht zu dass sie von Rüden überfallen, ja regelrecht sexuell belästigt wird und nicht weiß wie sie damit umgehen soll. Wenn sie das nicht tun kann eine Hündin schnell Aggressionsverhalten entwickelt das man später nur noch schwer in den Griff bekommt.

 

Ist Scheinschwangerschaft gefährlich?

Nein. So einfach ist die Antwort. Scheinschwangerschaft oder besser Scheinträchtigkeit ist für eine Hündin völlig normal. Es wurde durch die Natur eingerichtet um sicherzustellen, dass es genug Milch im Rudel gibt sollte eine Mutterhündin /-wölfin ausfallen. Es ist weder eine Krankheit noch ein Problem. Es kann für eine Hündin belastend sein. Das ist allerdings kein Grund für eine Kastration, denn Probleme mit der Scheinträchtigkeit können fast immer ganzheitlich gut behandelt werden. Die Scheinträchtigkeit dauert übrigens exakt genauso lange wie eine normale Trächtigkeit – also +/- 63 Tage.

Manche Hündinnen erleben eine Scheingeburt und/oder eine Scheinlaktation, das heißt sie erleben einen Geburtsvorgang (hormonell) und bilden ein Gesäuge an, z.T. mit deutlichem Milchfluss und/oder psychischem Stress der mit Fiepen und Weinen einhergehen kann. Erstes Gebot: auf keinen Fall anfangen zu melken! Zweites Gebot: alles was als Welpe „missbraucht“ werden kann wegräumen, also Spielzeug, Schuhe oder ähnliches. Bei den meisten Hündinnen erledigt sich alles von alleine, einigen wenigen muss man homöopathisch, phytotherapeutisch und notfalls auch chemisch helfen.

 

Wenn Die Hündin folgt und Wege gut einsehbar sind, dann kann sie auch in der Standhitze freilaufen.

Wenn die Wege gut einsehbar sind und die Hündin gut folgt, spricht auch in der Läufigkeit nichts gegen Freilauf. Auf diesem Bild ist meine eigene Hündin in der Standhitze.

Muss eine läufige Hündin an der Leine gehen?

Das hängt von der Erziehung ab. Wenn die Hündin gut folgt dann tut sie das auch in der Läufigkeit, so wie ein gut erzogener Rüde ebenfalls von einer läufigen Hündin abrufbar sein sollte. Meine Hündin darf in der Läufigkeit sehr oft frei laufen – ich meide allerdings stark frequentierte Hundeparks oder solche Stellen. Wir gehen dann halt in den Wald, wo ich lange Wege einsehen und andere Hunde rechtzeitig entdecken kann. Zum guten Ton gehört es andere Hundebesitzer auf die Läufigkeit aufmerksam zu machen – und zwar bevor deren Rüde mit der Nase am Hinterteil hängt. Sollte eine Hündin doch mal gedeckt werden dann gibt es eine Spritze mit der man die Trächtigkeit unterbinden/abbrechen kann. Sie sollten sich aber nicht darauf verlassen, denn ein derartige Behandlung ist sehr belastend für die Hündin und kann mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein.

 

Hündin in der Standhitze (Rute zur Seite gelegt) und intakter Rüde. Beide gingen danach friedlich weiter. 

Ist es normal dass meine Hündin schlecht frisst?

Absolut. Es ist für einen Hund – egal ob männlich oder weiblich – völlig normal zeitweise nicht zu fressen. Okay, für den typischen Labbi vielleicht nicht, aber tatsächlich gibt es auch unkastrierte Labradore die nicht ständig Hunger haben. Das Problem ist – immer noch wird die Mehrzahl der Hunde früh kastriert und das normale (sprich: unkastrierte) Verhalten ist viel zu wenig bekannt. Hunde, die einzeln gehalten werden haben auch keine Nahrungskonkurrenz, was es für sie unnötig macht schnell und komplett zu fressen, denn viel zu viele Besitzer haben einen enormen Leidensdruck wenn der vierbeinige Liebling mal nichts fressen will und bieten ständig neue Leckereien an wenn das erste nicht sofort verschlungen wird. Als Grundregel gilt: wenn der Hund mal nicht frisst aber ansonsten völlig normal ist dann gibt es überhaupt keinen Grund zur Sorge – besonders wenn die Hündin läufig/scheinträchtig ist. Genau wie schwangeren Frauen kann es Hündinnen in der (Schein-)trächtigkeitsphase übel werden. Meine Hündin z.B. mag dann kein blutiges, rohes Fleisch, will es lieber gekocht. Also gut – dann koche ich es eben. Problem gelöst. Und wenn sie dann auch mal nicht frisst – auch in Ordnung.

Hunde können wochenlang ohne Fressen klar kommen, so lange sie nicht anderweitig Symptome einer Erkrankung zeigen ist Futterverweigerung nicht besorgniserregend.

 

Was ist mit Verhaltensveränderungen?

Klar, die gibt es. Hallo – die Hündin geht komplett durch den Zyklus. Es gibt all das, was es auch beim Menschen gibt. PMS, Schmerzen bis hin zur Schwangerschafts- oder Post Partum Depression. Vieles ist normal und man kann es einfach abwarten. Wenn es über ein gewisses Maß hinaus geht dann – NEIN – muss man die Hündin nicht kastrieren lassen, weil sie „ja so furchtbar leidet“, man kann es auch einfach z.B. homöopathisch behandeln. Mal abgesehen davon – wir wissen doch gar nicht ob und wie die Hündin leidet. Wer wirklich leidet sind die Besitzer, wenn der Hund nicht so hyper und happy ist wie üblich. Aber auch das ist völlig normal und kein Grund gleich das OP-Besteck aus dem Schrank zu holen.

 

Wie erkenne ich eine Gebärmutterentzündung?

Die gefürchtetste Komplikation bei unkastrierten Hündinnen ist die Pyometra, die eitrige Gebärmutterentzündung. Die Angst ist (teilweise) berechtigt. Die Pyometra ist eine potentiell lebensbedrohliche Erkrankung, die im schlimmsten Fall eine Not-OP erfordern kann.

Der typische Zeitraum, in dem es zu einer Gebärmutterentzündung kommen kann ist zwischen 2-4 Wochen nach Ende der Läufigkeit. In dieser Zeit ist die Gebärmutter in der Regel geschlossen. In manchen Fällen kann sie auch offen sein, deshalb unterscheidet man zwischen einer offenen und einer geschlossenen Pyometra. Die zweite ist die weitaus problematischere, da der Eiter keinen Abfluss nach außen findet. Mit Glück kann man solche eine geschlossene Form öffnen, z.B. mit homöopathischen Mitteln, aber es ist immer eine problematische Situation.

Hündinnen ab einem Alter von 5 Jahren haben ein höheres Risiko, größere Rassen neigen eher dazu als kleine – aber das ist nicht immer der Fall. Sie merken schon, Variabilität ist DAS Stichwort wenn es um Läufigkeiten geht. Ich habe Hündinnen gesehen, die schon nach der 1. Läufigkeit eine Pyometra hatten, meine erste Hündin dagegen starb mit 14 Jahren mit ihrer Gebärmutter völlig intakt und ohne Probleme.

Typische Anzeichen für ein Problem sind plötzlich auftretender, deutlich vermehrter Durst, Abgeschlagenheit und/oder Fieber. Sollten Ihnen solche Symptome auffallen dann sofort ab zum Tierarzt. Mit einer Gebärmutterentzündung ist nie zu spaßen.

 

Was ist mit einer Gesäugeentzündung?

Ja, das gibt es, aber es ist viel seltener als es immer gerne kolportiert wird. Die einfachste Methode sind kühle Umschläge wenn ein oder mehrere Komplexe dick und gerötet sind. Quarkumschläge sind ein bewährtes Mittel – auch in der Humanmedizin. Homöopathie und andere ganzheitliche Methoden können hier wunderbar heilend angewendet werden. Wie immer gilt im Zweifel – einfach den (ganzheitlichen)Tierarzt fragen!

 

Was mache ich, wenn die Hündin wirklich leidet ohne ernsthaft krank zu sein?

Das gibt es natürlich auch. Es gibt viele Möglichkeiten diesen Hündinnen (und ihren BesitzerInnen) zu helfen. Diese wären nach meinen selbst gemachten Erfahrungen: (alphabetisch)

Ablenkung

Huch? Ja, so einfach kann es sein. Hündinnen, die in der Scheinträchtigkeit müde, deprimiert und/oder depressiv sind können enorm davon profitieren, wenn man sie beschäftigt. Und damit meine ich nicht den tagein tagaus Trott des Laufens auf immer bekannten Wegen. Nein, ich spreche von Kopfarbeit, von allem was den Trott unterbricht. Sie werden sich wundern, was das bewirken kann.

Homöopathie

Es gibt ein paar Komplexmittel, die man versuchen kann und die (mäßigen) Erfolg zeigen, wenn man den Gang zum guten klassischen Homöopathen aus welchen Gründen auch immer scheut. Empfehlen kann ich keines, weil ich davon nicht wirklich überzeugt bin.

Es gibt in der klassischen Homöopathie sehr gute Einzelmittel, die ganz ausgezeichnet helfen. Ich werde sie hier nicht empfehlen, denn sie zu verschreiben benötigt Wissen, das man nicht in drei Sätzen vermitteln kann. Ich will aber sagen, dass es mehr auf der Welt gibt als Pulsatilla, das nur bei einigen Hündinnen hilft. Und wenn es das nicht tut liegts nicht an der Homöopathie sondern einfach am fehlenden Wissen.

Kräuter (TCVM – Traditionelle Chinesische Veterinärmedizin)

Kann tolle Erfolge vorweisen. Wie die Klassische Homöopathie gehöen sie in die Hand von jemanden der/die das wirklich gelernt hat und nicht nur damit rumspielt. Es gibt im Internet auch Online-Shops, die chinesische Kräuter anbieten. Das sind aber – so ähnlich wie homöopathische Komplexmittel – Standardrezepturen und für tiefgreifende Heilung ungeeignet.

Kräuter (westlich)

Auch unsere westliche Kräuterheilkunde kennt viele Mittel zur Hilfe. Hier verweise ich auf die einschlägige Literatur, sei es nu Hildegard von Bingen oder Alexandra Nadig oder wer auch immer.

Osteopathie

Was werden Sie fragen! Aber klar. Verspannungen, Krämpfe usw – können sehr schön osteopathisch behandelt werden und verschaffen der Hündin gute Linderung 

Allopathie (was wir gemeinhin Schulmedizin nennen).

Es gibt wirksame Mittel, die in der Regel bestimmte Dinge hemmen und damit ein Problem beheben. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings groß dass es mit der nächsten Läufigkeit wieder auftaucht.

 

Seien Sie vorsichtig mit Tipps aus Foren und/oder von websites, die angeblich genau wissen was zu tun ist.

  

Und last but not least:

Wie ist das mit den Mammatumoren?

Zu dieser Frage verweise ich Sie zu meinem Artikel über die Kastration der Hündin im Anschluß – alle wichtigen Informationen finden Sie dort.

 

Ein paar Gedanken zur Kastration der Hündin (und des Rüden)

von Beatrice Milleder, Prakt. Tierärztin

Als ich am Ende meines Studiums war und auch zu Beginn meiner Zeit an der Uni-Klinik München war es Standard eine Hündin zu kastrieren. Damit bin ich sozusagen tiermedizinisch aufgewachsen. Eingeschärft wurden uns die Gefahren, die Möglichkeit von Mammatumoren (Gesäugetumoren), Gebärmuttervereiterung (Pyometra) und/oder – krebs. Gestritten wurde eigentlich nur noch über die Frage ob man es vor oder nach der ersten Läufigkeit tun soll.

Wie gesagt, das war dann.

Bevor ich weiter auf das Thema eingehe, lassen Sie mich kurz ins Private abschweifen. Ich bekam meine erste Hündin 1986, ein Azawakh (Windhund), die nicht kastriert wurde, da die Züchterin gerne wollte, dass wir sie auf Ausstellungen zeigen. Ich hatte den Hund von ihr geschenkt bekommen, sie war eine liebe Kollegin. Als die Ausstellungszeit vorbei war, war Ghazal bereits fünf Jahre alt und da sie mit Läufigkeiten nie Probleme hatte, haben wir nie überlegt sie kastrieren zu lassen. Ghazal wurde 14 Jahre alt (die älteste im ganzen Wurf), war bis auf einen Zwingerhusten nach Pensionsaufenthalt nie krank. Mit etwa 10 Jahren tauchte der erste Gesäugetumor auf, der langsam aber stetig wuchs und bei ihrem Tod etwa so groß wie eine Aprikose war. Er verursachte nie Schmerzen, er ulzerierte nicht (brach nicht auf), er war halt da. Sie ist nicht daran gestorben – oder an den anderen drei, die danach folgten.

Auf Ghazal folgte Paula, sie kam aus dem Tierschutz, war zu früh von der Mutter weggenommen worden. Sie war ein Bullmastiff und weil ich es eben so gelernt hatte ließ ich sie von einer sehr geschätzten Kollegin mit sechs Monaten (vor der ersten Läufigkeit) kastrieren. Paula hatte schon vorher mal gelahmt (Ellbogen), was aber wieder verging. Kurz nach der Kastration fing es an mit einer Kniescheibenluxation links, später ein Kreuzbandriss am gleichen Bein. Es endete mit einem Bandscheibenvorfall mit komplettem Verlust der Beweglichkeit beider Hinterbeine, verursacht durch einen Tumor an den Wirbelkörpern. Sie wurde 4 ½ Jahre alt und hatte nie einen Gesäugetumor.

Dann kam Luna. Sie ist jetzt 12 ½. Mit Vielem was ich in der Zwischenzeit gelernt hatte im Kopf beschloss ich ganz bewusst, Luna nicht kastrieren zu lassen. Mit ungefähr sieben Jahren tauchte der erste Gesäugetumor auf. Er war etwa reiskorngroß. Das ist er immer noch. Es kamen noch vier andere. Diese sind etwa in der gleichen Größenordnung. Mit 11 Jahren hatte Luna eine Pyometra. Nach langem hin und her beschloss ich, sie kastrieren zu lassen. Sie hat es gut überstanden, war danach sehr schnell wieder fit (nicht zuletzt dank einer wirklich guten Kollegin und der Homöopathie) und die Tumore wachsen auch (bis) jetzt nicht.

Inkontinent war (bisher) keine meiner Hündinnen.

 

Das sind natürlich nur ganz einzelne Erfahrungen und sie genügen überhaupt keinen Statistiken, dazu sind alle drei auch noch komplett verschieden. Aber sie sind trotzdem interessant und erklären ein bisschen, warum mich das Thema der Kastrationen beschäftigt hat.

 

Nehmen wir noch kurz den Tierschutz vorne weg. Hier werden Hündinnen routinemäßig kastriert. Das ist richtig und in Tierheimen auch unabwendbar. Es gibt viel zu viele Hunde auf diesem Planeten, denen es schlecht geht, die geschunden werden – es hilft keinem, wenn Tierschützer noch zu den Zahlen beitragen würden. Das möchte ich hier ganz klar machen.

 

Aber ... durch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und der Routinekastration von Hündinnen und Rüden weiß man nun auch, dass das Fehlen der Geschlechtsdrüsen mehr tut als einfach den Geschlechtstrieb kalt zu stellen.

 

Hier ein paar Fakten zur Kastration:

Bezüglich des Brustkrebsrisikos muss als erstes gesagt werden, dass auf die Gesamtpopulation der Hündinnen bezogen, nur etwa 2%  der Hündinnen ein Risiko haben, Mammatumore zu entwickeln. Nur etwa die Hälfte davon sind bösartig. Manche Quellen sprechen von 40, manche von 60%, deshalb habe ich den Mittelweg gewählt.

In dieser Risikogruppe ist es tatsächlich so, dass das Krebsrisiko mit der Kastration sinkt und zwar ist dabei entscheidend der Zeitpunkt der Kastration.

Hier sehen die Zahlen so aus:

Kastriert man eine Hündin vor der ersten Läufigkeit, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Tumore entwickelt bei unter 2 %

Wartet man bis nach der ersten Läufigkeit, steigt die Wahrscheinlichkeit auf 8 %.

Nach der zweiten Läufigkeit erhöht sich das Krebsrisiko auf 25 %.

Nach der dritten Läufigkeit ist die Bildung von Tumoren durch eine Kastration nicht mehr zu beeinflussen, sagt zumindest die Statistik. Dennoch gibt es in sehr seltenen Einzelfällen hormonabhängig wachsende Tumoren, die bei jeder Läufigkeit sprunghaft an Umfang zunehmen. Bei diesen ist eine Kastration auch in hohem Alter noch sinnvoll.

 

Scheinträchtigkeit wird oft als Risikofaktor erwähnt, und sie kann es sein. Aber lassen Sie mich kurz mit einem Irrtum aufräumen. Scheinschwangerschaft und/oder Scheinlaktation sind keine Krankheiten. Es sind völlig normale Erscheinungen, die im Rudel dafür sorgen dass genug Milch vorhanden ist, wenn aus irgend einem Grund der Mutterhündin (Wölfin), bei der es sich im Allgemeinen um die ranghöchste Hündin handelt, etwas zustößt und sie als Milchlieferantin ausfällt.

Wichtig ist, wie man mit der Scheinträchtigkeit umgeht. Es gibt diverse (auch ganzheitliche) Möglichkeiten, diese Zeit für alle Beteiligten unproblematisch(er) zu gestalten.

 

Bei kastrierten Hündinnen (und je nach Symptom auch bei Rüden) steigt nach aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen die Gefahr für:

Inkontinez – also das Harnträufeln, das vor allem in Ruhe, also im Schlaf auftritt. Es ist z.T. gut osteopathisch oder ganzheitlich behandelbar, dazu gibt es Medikamente, die eingesetzt werden können. Darauf komme ich später noch zu sprechen.

Schilddrüsenunterfunktion – die bei kastrierten Hunden (Hündinnen und Rüden) sehr viel häufiger auftritt als bei unkastrierten.

Fellveränderungen – insbesondere bei langhaarigen Hunden werden diese häufig festgestellt.

Tumore der Eingeweide u./o. der Knochen – werden speziell bei großen Rassen häufiger bei Kastraten festgestellt.

Arthrose/Spondylose – scheint nach neuesten Daten auch häufiger bei Kastraten aufzutreten.

Gewichtszunahme – die ein großes Problem von Kastraten ist, und womit viele Besitzer bis zum Lebensende des Tieres kämpfen. Und nicht nur das. Durch den Abfall von Serotonin im Blut nach der Kastration steigt der Appetit der Hunde an wodurch es doppelt schwer fällt das erwünschte Gewicht zu halten.

Verhaltensveränderungen – durch die Kastration kann es zu Verhaltensveränderungen in jegliche Richtung kommen, keiner kann voraussagen, was nach der Kastration passieren wird.

 

Hier (und auch nur dann) kommt für mich bei Rüden der sogenannte Hormonchip zum Einsatz, der eine gute Möglichkeit ist, die Veränderung eines Rüden zu sehen um eine informierte(re) Entscheidung treffen zu können. In meiner Praxis entscheiden sich etwa 50% der Besitzer nach dem Chippen gegen die Kastration ihres Rüden. Der Chip ist keine komplette Simulation der Kastration, aber er kann einem interessante Einblicke ermöglichen.

 

Und jetzt noch eine kurze Bemerkung zur Inkontinenz. Sie ist eine häufige Nebenwirkung der Kastration vor allem bei der Hündin. Es gibt Rassen, die häufiger betroffen sind als andere, dazu gehören v.a. der Dobermann, der Boxer, der Rottweiler, Deutsche Doggen und viele mehr. Es handelt sich meist um Rassen, die oft von Natur aus schwächeres Bindegewebe haben, aber das ist keine feste Regel. Jeder Hund kann inkontinent werden, auch ein kleiner Pudel.

Regulär werden bei der Inkontinenz Medikamente verschrieben, die entweder aus der Gruppe der Propanolamine (Propalin-Sirup, Caniphedrin) stammen oder Hormone (Incurin) enthalten.

Propanolamine sind als Aufputschmittel in der Humanmedizin bekannt. Im besonderen Caniphedrin kann bei Hündinnen zu Symptome wie Ruhelosigkeit, vermehrtem Hecheln oder sogar erhöhter Aggression führen. Die Wirkung entfaltet sich auf den Schließmuskel der Blase, der auf die Substanz reagiert und dadurch dicht(er) wird. Fun-fact am Rande: Raver benutzen die Substanz gerne um ganze Nächte durchtanzen zu können und dabei nicht auf die Toilette zu müssen.

Incurin wiederum enthält Östriol, das eine schwach östrogene Wirkung hat, also das Hormon ersetzt, das durch die Kastration entfernt wurde – um die Gefahr für Gesäugetumore zu senken. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen.

 

Abschließen möchte ich sagen, dass jede Kastration eine individuelle Entscheidung sein sollte, die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden müssen. Keinesfalls sollte sie ein Regeleingriff sein, der standardmäßig durchgeführt wird – zu groß sind die Auswirkungen auf die Tiere.

Im deutschen Tierschutzgesetz steht, dass Operationen nur durchgeführt werden dürfen, wenn sie (tier-)medizinisch als notwendig erachtet werden. Bisher wurde das immer mit der Senkung der Krebsgefahr für die Hündin begründet. Wenn man sich aber die Fakten genau ansieht, dann kann dieses Argument eigentlich nur in Ausnahmefällen gelten.

 

Mein Rat: Denken Sie lieber zwei oder drei Mal darüber nach, bevor sie Fakten schaffen, die Sie nicht mehr rückgängig machen können. Das soll nicht heißen, dass jetzt keine Hündinnen oder Rüden mehr kastriert werden sollen – aber die Entscheidung sollte mehr sein als nur ein beiläufiger Gedanke. 

 

Ein Hinweis in eigener Sache: Ich freue mich, wenn Ihnen der Beitrag gefällt. Bitte sehen Sie davon ab, bei mir wegen Fernberatungen anzurufen. Diese sind aus vielen Gründen nicht möglich und auch fachlich höchst problematisch. Vielen Dank!