Ganzheitliche Tierarztpraxis

Vegan/Vegetarisch – Carnivor/Omnivor/Gar nicht vor?

 

 

Wenn es um die Ernährung von Hunden geht ist ja momentan vieles auf dem Markt, viel Info und auch viel Unsinn.

Ganz stark im Trend sind die vegetarischen und veganen Futter die momentan wie Pilze aus dem Boden sprießen. Man kann sicher diskutieren wie viel Fleisch ein Hund braucht. Ist er nun Carnivor – also Fleischfresser, Omnivor – also Allesfresser, was auch eine vegane und vegetarische Ernährung ermöglichen würde oder ist er fakultativ Carnivor, also ein Tier das dann Fleisch ist, wenn es Zugang dazu hat, aber im Notfall auch ausweichen kann?

Ich will mich jetzt gar nicht an den vielen wilden Diskussionen beteiligen, also machen wir es ganz einfach – gehen wir zur Anatomie und Physiologie des Hundes. 
Der Hund hat ein ganz typisches Fleischfressergebiß. Das kann und wird niemand bezweifeln. Wenn es also stimmen würde, dass der Hund sich auf nicht-fleischliche Ernährung verlegt hat, weil er ja seit Jahrtausenden mit dem Menschen lebt, dann muss man sich fragen warum das Gebiss, selbst bei völlig unnatürlich veränderten Rassen, immer noch das eines Fleischfressers ist. Das Gebiss besteht aus den Fangzähnen, die wie der Name schon sagt zum Fangen der Beute dienen, den Reißzähnen, mit denen Stücke aus der Beute gerissen werden und den Backenzähnen, die spitz und scharf sind und nicht wie bei Pflanzenfressern die Nahrung mahlen, sondern diese nur durchlöchern damit der Magensaft sie besser verdauen kann. 
Im Maul eines Hundes gibt es keine Amylase, also kein Enzym das Kohlenhydrate verdauen kann, so wie es bei uns der Fall ist. Kohlenhydrate gelangen direkt in den Magen, es findet vorher keine Aufspaltung statt.

Der Magensaft eines Hundes hat einen pH-Wert (das beschreibt den Säuregehalt z.B. einer Flüssigkeit) von etwa 1,5 bis 2. Um Ihnen einen Vergleich zu bieten – das ist etwa der pH-Wert von Salzsäure. Wir Menschen halten uns irgendwo bei 4.5 bis 5 auf. 
Das kurz angekaute Fleisch kommt also in Stücken in den Magen und wird sofort von der Magensäure angegriffen und je nach Stückgröße in ca. 12 Stunden verdaut. Weil der Magensaft so sauer ist kann er auch fast alles unschädlich machen, was Hunde so schlucken, das gilt auch für viele Bakterien und andere für Menschen ungenießbare Dinge – denn von der Herkunft her ist unser Hund ein Aasfresser und da muss der Körper schon damit rechnen, dass auch Dinge im Magen ankommen, die nicht wirklich förderlich sind für die Gesundheit. Aber weil die Natur schlau ist hat sie ein System geschaffen bei dem der Magen sozusagen ein Eingangswächter für das ist, was letztendlich im Köper landet – WENN man ihn nicht durch falsches Verhalten schwächt. Dazu gehört eindeutig ein zu viel an Kohlenhydraten, aber auch das endlose Kauen auf Dingen, vor allem NACH der regulären Fütterung und das Einhalten von festen Fütterungszeiten. Ein bekannter Hundetrainer hat mal gesagt, der Hase kommt nicht immer um 19.00 Uhr vorbei und daran ist viel Wahres. Hunde sind nicht dafür angelegt regelmäßig zu fressen. Feste Fütterungszeiten führen nur dazu, dass Hunde schon Stunden vorher auf das Fressen warten und sich die Magensäure entsprechend hochfährt. Gleiches gilt für das Kauen auf gängigen Kauartikeln – der Magen denkt es kommen Unmengen von Futter, denn der Hund kaut und kaut und kaut – und am Ende kommt kaum etwas unten an. Sie können sich jetzt selbst ausmalen wozu so etwas führt.

Wenn die Nahrung dann im Darm ankommt fängt die echte Aufschließung der Nährstoffe an – aber nur dann, wenn vorher kein Fehler passiert ist.

Hunde können – anders als viele andere Tiere – sehr leicht erbrechen. Das liegt zum einen in der Tatsache begründet dass auf diese Weise anfangs die Welpen gefüttert werden aber auch am schon erwähnten Fressen von Aas. Gleiches gilt für Durchfall. Er entsteht schnell und kann auch viel schneller als bei uns blutig werden, weil auch hier die Natur dafür gesorgt hat dass Schadstoffe den Körper schnell wieder verlassen – indem der Hund einfach die gesamte Schleimhaut des Dickdarms abstößt. Dann blutet es - es reinigt sich also – und dann baut der Hund wieder eine neue Schleimhaut auf. Was es bedeutet, wenn man diese natürlichen Reinigungsprozess ständig unterbindet indem man beim kleinsten Anzeichen von Blut sofort Antibiotika füttert kann man sich sehr gut vorstellen. Aber CAVE! Bluten kann auch auf eine Vergiftung hinweisen. Wenn man sich also nicht sicher ist, ob ein Hund Gift aufgenommen hat, dann sollte man das immer per Bluttest überprüfen lassen.

Im Dickdarm findet eigentlich nur noch eine Eindickung der Nahrung statt bis diese dann im Enddarm auf die Ausscheidung wartet. Der Blinddarm, der auch beim Hund winzig ist hält einen einzigartigen Bakteriencocktail bereit dessen Wichtigkeit lange unterschätzt wurde. Auch beim Menschen kommt die Forschung immer mehr zu der Ansicht dass ein Blinddarm nur noch im Ausnahmefall entfernt werden sollte.

Nun kommen wir mal zurück zum Ausgangsthema. Was is(s)t der Hund? Würden Sie Hunde fragen würde nur die allerwenigsten anstatt Fleisch zum Soja greifen da bin ich mir relativ sicher. Natürlich können Sie gerade Trockenfutter derart verändern und verarbeiten, Geschmackstoffe beimischen so dass (fast) jeder Hund auch veganes Futter frisst.

Aber ist das auch artgerecht? (Und wir vermeiden die Diskussion hier ob Trockenfutter an sich artgerecht ist.)

Erst gestern las ich einen Blogbeitrag in dem die These aufgestellt wurde dass Hunde im Prinzip immer nur die Essensreste der Menschen gefressen haben und so tausende von Jahren in unserer Nähe überlebt haben, sie sogar nur deshalb gesucht haben, dass Hunde auch super mit einer großen Menge Reis überleben können. Wozu ich sagen muss – sicher können sie das. Hunde sind anpassungsfähig – aber ist es auch artgerecht, oder noch wichtiger – ist es gesund?

Und stimmt es überhaupt, dass Essenreste der Menschen zum Großteil kein Fleisch waren? Was haben denn Hunde so gefressen, wenn sie sich in der Nähe der Menschen bewegt haben? Schaut man sich die Bilder im Altertum an, dann wird man feststellen dass Hunde dort entweder mit auf die Jagd gehen oder sich gerade um irgendwelche Fleischbrocken streiten. Hütehunde haben sich z.B. häufig um die Nachgeburt der Muttertiere gestritten, tun das in manchen Regionen der Welt immer noch. In vielen Kulturen werden Hunde mit Milch zugefüttert.

Von den Verfechtern der veganen Hundeernährung wird der Umweltschutz ins Feld geführt und da ist etwas Wahres dran. Das ist sicher eine Frage mit der wir uns in Zukunft beschäftigen müssen. Aber heißt das, dass wir Hunde fleischlos ernähren müssen oder heißt es nur dass wir es bewusst tun müssen?

Ist es für einen Hund gesund und artgerecht ein Futter vor die Nase gestellt zu bekommen, das nicht seinen anatomisch/physiologischen Voraussetzungen entspricht? Ein Futter, das er nicht fressen würde wäre es nicht künstlich schmackhaft gemacht? (und wir sprechen hier nicht von kastrierten Labbis oder ähnlichen Rassen, die sozusagen alles aufsaugen, was ihnen vor die Schnauze kommt). Klar gibt es auch genug Nährstoffe in veganem Futter aber die Verdauung des Hundes ist nicht dafür gemacht. Deshalb müssen veganem Hundefutter Unmengen künstlicher Vitamine und Aminosäuren zugesetzt werden. Die andere Variante ist tierische Proteine mit pflanzlichen zu ersetzen, was häufig dadurch bewerkstelligt wird, dass man auf Leguminosen (also Hülsenfrüchte) zurückgreift. Die stehen aber jetzt im Verdacht bei Hund und Katze Herzprobleme zu verursachen ...

Wie so oft muss man sich irgendwo in der Mitte treffen. Es spricht nichts dagegen einem Hund auch mal ein vegetarisches oder sogar ein veganes Futter vorzusetzen – und wir reden hier nicht von Trockenfutter – wenn der Hund es freiwillig isst und es auch verträgt. Mein Hund z.B. liebt Melone, als Snack. Eine Melone ersetzt ganz sicher nicht eine artgerechte Ernährung. Meine Azawakh (Windhund) Hündin liebte alles mit Milch. Die Tuareg in Mali, da wo die Azawakhs herkommen, ernähren ihre Hunde mit gekochter Gerste und Ziegenmilch. Daneben dürfen sich die Hunde aber auch kleine Nagetiere jagen, wenn sie derer habhaft werden können, oder sie bekommen die Teile der Jagd, die für den Menschen nicht genießbar sind.

So wird die Diskussion weitergehen, werden sich Menschen online und im echten Leben streiten, was für die Hunde das Beste ist, aber wenn wir uns auf die Basics besinnen, dann sagt uns die Anatomie und Physiologie eines Hundes eigentlich alles, was wir wissen müssen um ihn gesund zu ernähren. Wir müssen es nur verstehen.

Beatrice Milleder, Prakt. Tierärztin
(Anmerkung: Dieser Beitrag enthält keine Behandlungsvorschläge. Diese sollten immer mit dem/der behandelnden Tierarzt/Tierärztin besprochen werden).

Noch eine Anmerkung für alle, die es mit den Fakten halten: Die Kartoffel wurde von Columbus nach Europa gebracht. Gleiches gilt für andere Neuweltfrüchte. Reis 3-400 Jahre vor Christus durch die Mauren, Nudeln überhaupt erst seit dem 17. Jhdt. Also ist es absolut aberwitzig zu behaupten, Hunde hätten schon seit vielen Jahrtausenden Nudeln etc beim Menschen als Essensreste verspeist. In der Nähe des Nord- und Südpols bekommen Hunde in der Nähe von Menschen hauptsächlich Fleisch- und Fischabfälle. Dass es für Hunde natürlich NICHT gut ist nur Muskelfleisch zu essen - und sicher auch ethisch fragwürdig steht außer Frage. Und noch eine kurze Bemerkung: Der Hund ist KEIN Wolf. Nach Beobachtungen der Wildhüter in Canada ist es typisch für Wölfe zuerst folgende Teile des Tieres zu verspeisen: Leber, Herz und Blut (in der Reihenfolge). Ganz oft, und wenn kein Nahrungsmangel besteht wird der Darm und die Mägen (der Magen) nicht gefressen. Dagegen reißen Hunde in der Regel den Bauchbereich auf und machen sich als erstes über die Mägen von Wiederkäuern her und fressen den Inhalt (Pansen/Blättermagen).